{"id":2,"date":"2020-03-10T15:33:33","date_gmt":"2020-03-10T14:33:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.joergsader.de\/?page_id=2"},"modified":"2024-01-17T17:20:35","modified_gmt":"2024-01-17T16:20:35","slug":"la-malvolta","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/blog-feed\/texte\/la-malvolta\/","title":{"rendered":"La malvolta"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>La malvolta<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Auf einer Lesung im gro\u00dfen Kombinat wa\u00adren wir uns begegnet, das hier um die Ecke lag, keine f\u00fcnf Mi\u00adnu\u00adten mit dem Au\u00ad\u00adto entfernt. Er hatte gelesen, ich hatte gelesen vor zig tausend Arbeitern. Ich fand ihn freundlich, zumindest war das seine Stimme. An\u00adson\u00adsten wu\u00dfte ich wenig von Karberg, ein gesch\u00e4tzter St\u00fc\u00adcke\u00adschreiber, dem die Funktion\u00e4re erstaun\u00adli\u00adcher\u00ad\u00adweise ebenso ap\u00adplau\u00addieren wie die Menschen, die ins The\u00adater gehen. Und ein junger Mann noch, Ende drei\u00ad\u00dfig, dachte ich mir, h\u00f6chstens. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Sogar Lederer war auf der\nLesung zu\u00adgegen gewesen, er, der sich seit Ende des Krieges Hermlin nennt, und\nunweit von ihm ent\u00addeckte ich Heym, der als amerikanischer Of\u00adfizier in Berlin\nein\u00ad\u00admar\u00adschiert war, nat\u00fcrlich war auch der betuliche Hensel\u00admann da und\nMaetzig von der Defa, die Gr\u00f6\u00dfen\ndieses Kali\u00adbers hat\u00adten auf dem erh\u00f6hten Podium Platz genommen, das in die rie\u00adsengro\u00dfe\nProduktionshalle aus rohen Planken schnell hin\u00ad\u00ad\u00ad\u00adeingezimmert worden war, ei\u00adnige\nder Autoren sah ich w\u00e4h\u00adrend der Lesungen auch ver\u00ad\u00adstreut zwi\u00adschen den Ar\u00adbeitern,\ndie Luft in der Halle war schlecht ge\u00adwe\u00adsen und die Mikrophone knackten und\nregelten die Lautst\u00e4rke nach ei\u00adge\u00adnem Gut\u00add\u00fcn\u00adken, die Stim\u00ad\u00admung war aus\nmeiner Sicht aber gut, offen, sogar ermutigend, und selbst die Le\u00adse\u00adtexte der\nAu\u00adtoren, die etwas Offizielles hatten, wurden zu meiner \u00dcberraschung gut auf\u00ad\u00adge\u00adnom\u00admen\nund beklatscht. Zwi\u00ad\u00adschen\u00adfra\u00adgen gab es so gut wie kei\u00adne, kom\u00adpro\u00admit\u00adtie\u00adrende\nschon gar nicht, daf\u00fcr war ge\u00adsorgt wor\u00adden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Wie gesagt, die Bar lag\nf\u00fcnf Minuten entfernt von dem Riesen\u00adkombinat, und wir, Karberg und ich hatten\ndie Lesungen vor dem offiziellen Ende verlassen und noch Pl\u00e4tze an der Bar ge\u00adfunden\nund tranken nun und tran\u00adken und redeten \u00fcber li\u00adte\u00adra\u00adrische Prosa, wozu\nKarberg nicht allzu viel wu\u00dfte. Ein Glas gab das an\u00adde\u00adre, das eis\u00adge\u00adk\u00fchlte\nZeug schien in den Fla\u00adschen hin\u00adterm Tre\u00adsen nicht we\u00adniger zu werden, und wir\nmerk\u00adten schon lange nicht mehr, da\u00df der Alkoholspiegel stieg und unsere Zungen\nschwer machte. Zu unserem gro\u00dfen Gl\u00fcck wur\u00adden wir aber sp\u00e4\u00adter auf der Heim\u00adfahrt\nnicht angehalten, kein Vopo war in Sicht gewesen, kein Bulle, niemand auf der\nleeren Stra\u00dfe. Vor mei\u00adnem Haus schien es f\u00fcr Kar\u00adberg ausge\u00admacht, da\u00df er mich\nnach oben be\u00adglei\u00adtet, auf einen Kaffee gewis\u00adser\u00adma\u00ad\u00dfen oder ei\u00adnen Absacker,\nobwohl wir, wie ich fand, ei\u00adgent\u00adlich genug Al\u00adkohol intus hatten. Je\u00adden\u00adfalls\nfragte er nicht, er ging ein\u00adfach mit, nahm mir vor der Haust\u00fcr wortlos die\nSchl\u00fcs\u00adsel aus der Hand und hielt mir schlie\u00dflich die T\u00fcr auf, als sei er hier\nzu\u00adhause und nicht ich. War ich da schon so eine Art Gespiel f\u00fcr ihn?\nAllerdings spielte ich das Spiel, das ich kommen sah, auch mit und gab mich\noffen, willenlos. Vielleicht lie\u00df ich ihm zuviel durch\u00ad\u00adgehen, ich wehr\u00adte ja\nnichts ab, auch nicht als er mir den Hals k\u00fc\u00df\u00adte und seine H\u00e4nde behutsam und\nentschlossen zu\u00adgleich auf meine Br\u00fc\u00ad\u00adste rutsch\u00ad\u00adten. Es macht mir Spa\u00df,\ndachte ich noch bei mir, diese feste M\u00e4n\u00adnerhand auf mei\u00adnem K\u00f6rper, das ist\ndoch etwas Reelles. Mochte ich Karberg, ge\u00adfiel er mir wirklich oder wollte ich\nlediglich mit einem Mann ins Bett, mit irgendeinem? Wom\u00f6glich we\u00adgen Axels\nWeggang am Morgen oder wegen des Alkohols, der mir die Sicht nahm, war ich ver\u00adwirrt\nund wu\u00df\u00adte das alles nicht mehr so ge\u00adnau. Karberg aber lie\u00df nicht ab von mir,\nim Ge\u00adgenteil, er k\u00fc\u00dfte mich weiter und weiter und lie\u00df seine H\u00e4n\u00adde langsam in\nRich\u00adtung Scho\u00df wan\u00addern. Noch aber gefielen mir diese zupackenden H\u00e4nde, diese\nGesten, die mich ablenkten und mich Axel, meinen Geliebten, vergessen lie\u00dfen.\nDann aber, mit ei\u00adnem Mal, pl\u00f6tz\u00adlich wie aus dem Nichts, dachte ich wieder an\nihn, er hatte am Morgen T\u00fcren knallend die Woh\u00adnung ver\u00adlas\u00adsen, er schreibe\nnicht wie ich, hatte er noch in die morgendliche Wohnung ge\u00adschrien, eine eigen\u00adst\u00e4ndige\nPer\u00ads\u00f6n\u00ad\u00adlich\u00adkeit sei er mit eigenen \u00e4sthe\u00adti\u00adschen An\u00ad\u00adsich\u00adten, in ein\nKorsett las\u00adse er sich we\u00adder von mir noch von den tumben Funk\u00adtion\u00e4ren der Kul\u00adtur\nzw\u00e4ngen, die ohnehin nichts ver\u00adstehen. Und Julia, ja Julia tippe seine Texte\nab, nichts weiter, nicht das geringste \u2026 Wir hatten ge\u00adstrit\u00adten, ja, heftig ge\u00adstrit\u00adten,\naber es ging dabei ja nicht um \u00c4sthe\u00adtik oder politische Ansichten, es ging um\nunser Leben und wie es wei\u00adtergeht, um unser Zu\u00adsam\u00admenleben, wer lebt mit wem,\nwel\u00adche Frei\u00adhei\u00adten hat der andere, was ist ihm ver\u00adwehrt? <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die Texte, die gelesen\nwurden, hatten mir zunehmend zu schaf\u00adfen gemacht, es gab auf die grausligen\nSachen weder elegante Erwiderungen noch kri\u00adti\u00adsche Stellungnahmen. Ich sp\u00fcrte,\nwie ein leichter Schwind\u00ad\u00ad\u00ad\u00adel in mir aufstieg, <em>geh raus<\/em>, sagte ich mir, <em>verschwinde,<\/em>\n<em>mach dich vom Acker!<\/em> Mit der Frage,\nwo die Toi\u00adlet\u00adten seien \u2013 <em>Ja, irgendwie\ndiesen Gang entlang, da m\u00fcssen sie sein!<\/em> \u2013, verlie\u00df ich das Podium und\natmete auf. Ich lief durch lange Kor\u00ad\u00adridore, an B\u00fcros vor\u00adbei, de\u00adren T\u00fcren\noffen stan\u00adden, Trep\u00adpen rauf und dann wieder Trep\u00adpen runter, und langte\nschlie\u00df\u00adlich bei den Toiletten an, die sehr ver\u00addreckt wa\u00adren, eine wie die an\u00addere,\nund ich bat eine der Putz\u00adfrauen, die in Kit\u00adtelsch\u00fcrzen, hochgebundenem Haar\nund einer Zigarette im Mund schwei\u00adgend den Flur\u00adbo\u00adden wischten, da sau\u00adber\nmachen. Ich war\u00adtete auf dem Flur, steckte mir ebenfalls eine Zi\u00adgarette an und\ntrat von einem Fu\u00df auf den anderen, die Putz\u00adfrauen aber lie\u00dfen sich Zeit, und\nals sie aus den Toi\u00adletten zur\u00fcck waren, w\u00fcrdigten sie mich keines Blicks. Mei\u00adne\nLeserinnen, o Gott, dachte ich, hof\u00adfent\u00adlich sind sie das nicht!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">W\u00e4hrend er an mir\nherumfingerte, dachte ich mehr und mehr an Axel, mir war pl\u00f6tzlich klar, was er\nmir, Streit hin, Streit her am Morgen war, die Gef\u00fchle f\u00fcr ihn f\u00fcllten mich aus\n\u2013 er, der schwierige, der unbequeme, \u00fcberall aneckende Autor war mehr als alle\nanderen f\u00fcr mich, viel mehr, ich vermi\u00dfte ihn un\u00adend\u00ad\u00adlich, und wie ich ihn ver\u00admi\u00dfte!\nW\u00e4hrenddessen hatte mir Kar\u00ad\u00adberg, immerhin Autor, gef\u00f6rdertes Mitglied des\nSchrift\u00adstel\u00adler\u00ad\u00adver\u00adbandes und Liebling der Genossen im ZK, inzwischen den Rock\nhoch\u00adge\u00adstreift und war beim Slip angelangt, den er jetzt wohl zu zerrei\u00dfen\ngedachte. Ich re\u00adgi\u00adstrierte das Geschehen wie von au\u00ad\u00dfen und dachte, da\u00df das\nnicht mich betrifft, sondern ir\u00adgend\u00adeine Person, mit der ich nicht das ge\u00adring\u00adste\nzu tun habe. Er fuhr mit der Hand zu meiner Scham und ver\u00adsuchte, mit dem Fin\u00adger\nein\u00adzu\u00addrin\u00adgen. Langsam realisierte ich, da\u00df das kein Spiel mehr war, und\nlangsam wuchs Emp\u00f6rung in mir, Wut, eine un\u00adge\u00adheuere Wut, so da\u00df ich mich\nabrupt um\u00addreh\u00adte, um ihm ins Gesicht zu sehen. Ich wollte seine Augen se\u00adhen,\nwollte sehen, was ihn trieb, ihn, der in der Bar noch nett ge\u00adwe\u00adsen war, h\u00f6f\u00adlich,\nja h\u00f6flich und zur\u00fcck\u00adhal\u00adtend und ann\u00e4herungsweise klug \u00fcber Literatur ge\u00adsprochen\nhatte, einigerma\u00dfen jedenfalls, sogar meine Texte hatte er, warum auch immer,\nge\u00adlobt. War er pl\u00f6tzlich zum Tier ge\u00adwor\u00adden und war ich jetzt Objekt, ein be\u00adnutz\u00adbares\nDing, das zu al\u00adlem m\u00f6g\u00adli\u00adchen ein\u00adl\u00e4dt? Hatte er mich an der Bar so mi\u00df\u00adver\u00adstan\u00adden\noder besser: ich ihn? Hatte er tat\u00ads\u00e4chlich geglaubt, der Wodka w\u00fcrde alles\nleichter ma\u00adchen und ihm die T\u00fcr \u00f6ff\u00adnen? Er erwiderte mei\u00adnen Blick, in\u00addem er\nfl\u00fcch\u00adtig l\u00e4\u00adchelte, entschuldigend, \u00e4u\u00ad\u00dfer\u00adlich und unsicher, dann aber war\ndie K\u00e4lte zur\u00fcck und fror das Mienenspiel ein, of\u00adfen\u00adbar fiel ihm, das war\njetzt zu sehen, die R\u00fcckkehr zu dem We\u00adsen schwer, mit dem ich an der Bar\nfreund\u00ad\u00adlich geplaudert hat\u00adte. Eine sehr kurze Sekunde lang be\u00addau\u00aderte ich\ndas, das Ge\u00adspr\u00e4ch mit ihm war nicht unin\u00adter\u00ades\u00adsant gewesen, unsere The\u00admen\nhat\u00adten sogar Reiz. Andererseits konn\u00adte ich mir aus irgendeinem Grun\u00adde diesen\nMann nicht als Au\u00adtor vor\u00adstellen, unm\u00f6glich, ihn als jemanden zu sehen, der\nschreibt und sein Leben mit Schrei\u00adben fri\u00adste\u00adte, ob\u00adwohl ich wu\u00df\u00adte, da\u00df die\nSt\u00fc\u00adcke, die er schrieb, angepa\u00dft waren und auf der Linie lagen, die ge\u00adw\u00fcnscht\nwar, und sehr er\u00adfolgreich waren, von den Funk\u00adtio\u00adn\u00e4ren be\u00adgr\u00fc\u00dft, in der Folge\nauch von gro\u00dfen H\u00e4u\u00adsern ge\u00adspielt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Meine Lesung kam mir in\nden Sinn, die ich vor Minuten vor den Arbeitermas\u00adsen absolviert hat\u00adte, und hinterher\ndie \u00fcbli\u00adchen Fragen, wa\u00adrum ich schreibe, woher ich die Ein\u00adf\u00e4lle be\u00adzie\u00adhe,\nan wen ich den\u00adke, wenn ich an der Schreib\u00adma\u00adschi\u00ad\u00adne sitze, und ob ich das\nLand mag, die Leute, die Ar\u00adbeiter, die doch mei\u00adne Leser sind. Ich hatte zu\nallem Ja gesagt und war dabei wohl ein\u00adsil\u00adbig gewesen, unengagiert, was sich\nden Fragenden ir\u00adgend\u00adwie mit\u00adge\u00adteilt haben mu\u00dfte. Entsprechend war der Ton\nihrer Fragen, skeptisch n\u00e4mlich, abwartend, vielleicht sogar at\u00adta\u00adckierend.\nIch woll\u00ad\u00adte schreiben, versuchte ich mich vor mir zu beruhigen, mu\u00df\u00ad\u00adte ich\naber deshalb dus\u00adselige Fragen beant\u00adwor\u00adten und Men\u00ad\u00adschen Re\u00adde und Antwort\nstehen, die von ihren Ma\u00adschi\u00adnen und Flie\u00df\u00adb\u00e4n\u00addern hierher delegiert worden\nwaren und nicht wu\u00df\u00adten, was <em>Literatur<\/em>\nhei\u00dft? Schriftsteller soll\u00adten nicht in der \u00d6f\u00adfent\u00adlichkeit herumspringen,\ndachte ich, sie soll\u00adten nicht f\u00fcr alles und jedes Ver\u00adantwortung \u00fcber\u00adneh\u00admen\nm\u00fcs\u00adsen, ob\u00ad\u00adwohl genau das von ihnen per\u00admanent verlangt wurde, sie sollten\nRat\u00ad\u00ad\u00ad\u00adgeber sein und in schwie\u00adrigen Situationen helfen und ge\u00ad\u00e4u\u00dferte Prob\u00adleme\nwich\u00adtig finden, in allererster Linie soll\u00adten sie schreiben, schrei\u00adben,\nschreiben und sonst nichts, dachte ich, w\u00e4hrend ich die Toilette betrat. Ich\nlasse mir ge\u00adfal\u00adlen, da\u00df ich in einem Be\u00adtrieb wie die\u00adsem mit Men\u00adschen re\u00adde,\nmir alles M\u00f6g\u00adliche schil\u00addern lasse, was in ihnen vor\u00adgeht und was sie be\u00adsch\u00e4f\u00adtigt,\naber sie beim Schrei\u00adben an\u00adlei\u00adten und schlie\u00dflich ihr Ge\u00adschriebenes auf Feh\u00adler\ndurch\u00adsehen, auf gram\u00admatische, gar \u00e4sthe\u00ad\u00adti\u00adsche, das geht zu weit. Ich ha\u00adbe\ndas den Genossen ge\u00adsagt, ohne eine Blatt vor den Mund zu neh\u00admen habe ich\nihnen das im Schrift\u00adstel\u00adlerheim ge\u00adsagt, und auch bei den Treffen der Be\u00adzirks\u00adleitung,\nsie wollten und konnten das nicht verstehen und blieben stur, sagten permanent <em>Aber, aber, aber die gro\u00ad\u00dfen Auf\u00ad\u00adgaben<\/em>,\nvor denen das Land stehe, verlangten diese Ma\u00df\u00ad\u00adnah\u00admen, Punkt. Es \u00e4ndert sich\nnichts, sagte ich mir, im Politb\u00fcro hat einer eine Idee und ver\u00adordnet ihre\nDurch\u00adsetzung auf Biegen und Brechen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Eine Ewigkeit standen wir im\nFlur meiner Wohnung, sahen uns an, fremd, ab\u00adleh\u00adnend und for\u00adschend zugleich,\nirgend etwas war noch nicht ausgesprochen, doch es blieb dabei, wir redeten\nnicht. Dann kn\u00f6pf\u00adte sich Karberg die Jacke zu, machte einen ungeschickten\nVersuch, dem Gespr\u00e4ch eine harm\u00adlose Wen\u00addung zu geben, eine Un\u00adver\u00adbindlichkeit,\nwie sie noch an der Bar zwi\u00adschen uns ge\u00adherrscht hatte, was ihm allerdings\nmi\u00dflang. Ich sag\u00adte nichts, er sagte nichts, und nach einer Weile drehte sich\nKarberg auf dem Ab\u00adsatz um und ging langsam, ohne sich um\u00adzuwenden, zur T\u00fcr, er\nergriff die Klinke, zog die T\u00fcr auf, war da noch Ge\u00adle\u00adgenheit, etwas zu sagen?\nIch wei\u00df es nicht. Er ver\u00adschwand im Trep\u00adpenhaus, und bei mir l\u00f6ste sich eine\nSpan\u00adnung, langsam nahm sie ab, mir wurde schwindlig auf den Beinen, ich mu\u00df\u00adte\nmich setzen. Und wieder Axels Bild, ich ver\u00admi\u00df\u00adte ihn, eine unglaubliche Sehn\u00adsucht\nergriff mich pl\u00f6tz\u00adlich, sehr stark, sehr for\u00addernd, wo bleibst du, Ge\u00adliebter,\nwo bist du jetzt? Wa\u00adrum streiten wir denn, warum nur, wir?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Ich hob den Telephonh\u00f6rer\nab, w\u00e4hlte Axels Nummer, w\u00e4hlte noch einmal, nichts. Ich lief in der Wohnung\nauf und ab und dachte schon nicht mehr an Karberg, ich nahm eine Zi\u00adga\u00adrette,\nrauchte und w\u00e4hlte wieder. Leere machte sich in mir breit, eine Leere, eine\nVerzweiflung, sinn\u00adlos das. Ich hatte ange\u00adnom\u00ad\u00ad\u00ad\u00admen, Axel wer\u00adde am Abend zu\u00adr\u00fcck\nsein, er werde sich be\u00adruhigt ha\u00adben, und wir, wir schlie\u00dfen uns dann, so wie\nbisher immer, in die Ar\u00adme. Es war nach Drei, wo steckt er? Ich r\u00e4umte in der\nWoh\u00adnung herum, legte einen Stapel B\u00fc\u00adcher nach rechts und den Stapel von dort\nnach links, ich nahm noch einen Wodka, und noch einen und noch ei\u00adne Zigarette,\naber die Wohnung blieb leer, still, kein Axel, keine Umarmung, nichts.\nPl\u00f6tzlich ging das Te\u00adlefon, ich war elek\u00adtrisiert, ich dachte, <em>Gottseidank! das ist er!<\/em> und sprang auf,\ngriff nach dem H\u00f6\u00adrer, sagte <em>Na, end\u00adlich!<\/em>\nDoch es war Karberg, der sich ent\u00ad\u00adschul\u00addigen wollte. Auf dem Weg in seine\nWohnung hatte er den Wagen an einem Te\u00adle\u00adfon\u00adh\u00e4uschen angehalten. <em>Es tut mir leid,<\/em> gab er sich zer\u00adknirscht,\nmit ihm sei etwas durchgegangen, es war miserabel, wie er sich ver\u00ad\u00adhal\u00adten\nhat, mies. Ich h\u00f6rte seine S\u00e4tze, h\u00f6rte, was er sagte und dachte an Axel, ich\nreagierte aber nicht, sondern legte ir\u00adgend\u00adwann auf, mitten in ei\u00adnem sei\u00adner\nunterw\u00fcrfigen S\u00e4t\u00adze. Der Anruf hatte die Wohnung noch gr\u00f6\u00dfer erscheinen\nlassen, tri\u00adster, ich f\u00fchl\u00adte mich unendlich allein, unbe\u00adauf\u00adsichtigt in\ndieser Leere. Ich nahm noch ein Glas und setzte mich an den Schreib\u00adtisch. Ein\nBlatt des Manuskripts, an dem ich gerade arbeitete, war noch in der Maschine,\nich las, was zu lesen war, kam aber nicht in den Text hin\u00adein. Offenbar war die\nRede von einer Ar\u00adchitektin, einer jungen, die gerade die Akademie verlassen\nhatte, und die mit einem Baustellenleiter disputierte, sie moch\u00adte den \u00e4lteren\nMann, umgekehrt gab es auch Gef\u00fchle von seiner Seite, was beide jedoch trennte,\nwaren ihre Vor\u00adstellungen von Planung, die unterschiedlicher nicht sein\nkonnten. Ihr Gespr\u00e4ch war, sag\u00adte mir der Text, den ich \u00fcberlas, an einem ent\u00adschei\u00adden\u00adden\nPunkt, sollte sie nach\u00adgeben oder er? Oder sollte etwas Ge\u00admein\u00adsames ge\u00adfunden\nwerden, als Grund\u00adlage gewisserma\u00dfen, auf der sie weiter arbeiten konnten. Und\npl\u00f6tzlich, warum auch im\u00admer, fielen mir die Kollegen ein, die mitmachen und die\num die wenigen Frauen im Verband schar\u00adwen\u00adzeln, ihnen sch\u00f6ne Au\u00ad\u00adgen machen\nund ris\u00adkante Angebote, auf den \u00f6ffentlichen Ver\u00ad\u00ad\u00adsamm\u00adlungen aber die Klappe halten,\nkein Wort her\u00adaus\u00adbrin\u00adgen und den Funk\u00adtio\u00adn\u00e4ren f\u00fcr ihre idio\u00adtischen Reden\napp\u00adlau\u00addieren. Wie soll da etwas entstehen, das mehr ist als Duck\u00adm\u00e4u\u00adser\u00adliteratur?\nIm Grun\u00adde hatte ich das alles satt. W\u00e4ren da nicht die Ver\u00adspre\u00adchen f\u00fcr die\nMenschen, die klare Linie des Lan\u00addes ge\u00adgen den barbarischen Westen, der\nmenschenfeindlich ist und zy\u00adnisch. An den Reaktionen auf mei\u00adne Lesung im Sieg\u00admunds\u00adhof\nwar mir klar geworden, wo die Men\u00adschen dort ste\u00adhen, ohne Per\u00adspektive, ohne\nZiel, nur Konsum und Verbrechen. Wo\u00adhin also? Hier ist mein Bleiben nicht l\u00e4n\u00adger,\nk\u00f6nnte es je\u00admals dr\u00fc\u00adben sein? Allerdings kann ich mit den Funktion\u00e4ren um\u00adgehen,\nwenn sie auch nach Kriterien urteilen und leben, die nicht nach\u00advollziehbar\nsind, wenn sie k\u00fcrzen oder gar nicht erst drucken we\u00adgen an\u00adgeb\u00adlichen Pa\u00adpier\u00admangels.\nSpie\u00dfige S\u00e4tze, die sie tags\u00ad\u00fcber am Tele\u00adfon oder im Gespr\u00e4ch in ihren B\u00fcros\nver\u00adlauten lassen, w\u00e4hrend sie ei\u00adnem nachts in den Bars und Klubs wie Karberg\nS\u00fc\u00dfes in die Ohren sagen, ei\u00adnen be\u00adgrap\u00adschen, ei\u00adnem K\u00fcsse aufzwingen und\nihre K\u00f6r\u00adper beim Tan\u00adzen an\u00addr\u00fc\u00adcken, so da\u00df ihre M\u00e4nn\u00adlichkeit deut\u00adlich zu\nsp\u00fc\u00adren ist. Ach, Karberg! Er h\u00e4ngt der Idee an, der dieser Staat an\u00adh\u00e4ngt, er\nzweifelt nicht, ist linientreu und einer, der auch, wenn er dr\u00fc\u00adben liest,\nnicht schwankt. Hatte ich eine Linie, als ich zu Le\u00adsun\u00adgen dr\u00fcben war oder\ndort einen Arzt aufsuchen mu\u00dfte? Und auch, als sich der geliebte Bruder in den\nWesten abgeseilt hatte, und ich, obwohl ich ihn geliebt habe, seinen Schritt\nver\u00adur\u00adteilt habe. Immer wie\u00adder dieses Hin und Her der Funktion\u00e4re und Lektoren,\ndie an\u00adordnen und un\u00adsere S\u00e4tze durch schwach\u00adsinnige ersetzten, all das habe\nich hinge\u00adnom\u00admen, ich habe, um der gro\u00dfen Sache wil\u00adlen, immer neue Anl\u00e4ufe ge\u00admacht,\nund das hei\u00dft: umge\u00adschrie\u00ad\u00adben, erg\u00e4nzt, abgeschw\u00e4cht oder ganz fallen\ngelassen, weil es der Zensur nicht gefiel. Schwierige Unter\u00adre\u00addung waren das\nmit den Karbergs der Republik, sehr schwierige. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>La malvolta Auf einer Lesung im gro\u00dfen Kombinat wa\u00adren wir uns begegnet, das hier um die Ecke lag, keine f\u00fcnf Mi\u00adnu\u00adten mit dem Au\u00ad\u00adto entfernt. Er hatte gelesen, ich hatte gelesen vor zig tausend Arbeitern. Ich fand ihn freundlich, zumindest war das seine Stimme. An\u00adson\u00adsten wu\u00dfte ich wenig von Karberg, ein gesch\u00e4tzter St\u00fc\u00adcke\u00adschreiber, dem die &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/blog-feed\/texte\/la-malvolta\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eLa malvolta\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":28,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-2","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":745,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2\/revisions\/745"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/28"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}