{"id":308,"date":"2020-03-14T11:01:44","date_gmt":"2020-03-14T10:01:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.joergsader.de\/?page_id=308"},"modified":"2024-01-17T17:21:39","modified_gmt":"2024-01-17T16:21:39","slug":"neutoener","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/blog-feed\/texte\/neutoener\/","title":{"rendered":"Neut\u00f6ner"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Neut\u00f6ner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Von seinem Platz aus verfolgt T. das Tun der\nMusiker vor dem Keyboard. Sie h\u00f6ren, beratschlagen und w\u00e4gen ab, sie sch\u00fctteln\ngelegentlich die K\u00f6pfe oder lachen sich erleichtert zu. Wenn einer der beiden\neine Melodie vorgibt und dazu den Rhythmus klopft, h\u00f6rt der andere zu. Er wird\ngleich, denkt T., nicken, vielleicht ein <em>Ok,\ngut!<\/em> \u00e4u\u00dfern oder ein <em>Na, klar<\/em>!,\num sodann das Geh\u00f6rte nachzuspielen, und schlie\u00dflich, wie bisher nach sol\u00adchen\nSequenzen, die H\u00e4nde von den Tasten nehmen und den Blick des anderen suchen.\nEntsteht so, fragt sich T., \u00dcber\u00adein\u00adstimmung, ein gemeinsames Werk?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Ihre Sprache erscheint ihm technisch und\ndistanziert, sie hat wohl wenig mit der Musik zu tun, mit der Wirkung, die sie\nerzielen soll, dagegen viel. Mit der Wirkung, die in Gef\u00fchl und Begeisterung\numzuschlagen hat und au\u00adgen\u00adblicklichen Rausch, mutma\u00dft T. auf seinem Stuhl.\nAber noch ist das Optimum nicht erreicht, der Melodiengeber bittet um\nWiederholung der letz\u00adten Takte, doch dieses Mal bitte das Tempo langsamer und\ndie Akkordfolge ver\u00e4ndert! Noch ist ja den Monitoren \u00fcber den blan\u00adken\nKeyboardtasten das zuletzt Eingespielte abzulesen, die zur Notenschrift\ngewordenen Ideen, denkt sich T., diese ta\u00adsten\u00adden Arbeitsg\u00e4nge, die Takt um\nTakt und Schicht um Schicht auf ein Ziel zugehen, das den Musikern doch\nvorschweben mu\u00df als vages, fernes Ganzes, das sich allerdings noch ver\u00adweigert,\nals wollte es sich nicht be\u00adnennen lassen. Es wird sich l\u00e4ngst, sinniert T., in\nden Schichten abgelagert haben, die der Rechner unerm\u00fcdlich aufzeichnet und zu\neinem t\u00f6nenden Pa\u00adlimpsest f\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">T. schaut zu den Kiefern im Sonnenlicht vor dem\nmannshohenFenster, es ist ein endlos\nblauer Tag, eine Weite, die ihm wie wunderbare Musik ist. Er hatte Interesse an\nder Arbeit der Musiker bekundet und darum gebeten, der Sitzung beiwohnen zu\nd\u00fcrfen. Von seinem Platz aus, gewisserma\u00dfen aus zweiter Reihe, h\u00f6rt er ihnen\nzu, beobachtet sie und ihre Gesten, die die Schritte des Vorw\u00e4rtsgehens\nbegleiten und kommentieren. Wie sie sich verst\u00e4ndigen! Mal m\u00fcssen die Akkorde\nschweigender und dunkler sein, dann wieder hell, ein Tonwert ist zu lang oder\nzu verz\u00f6gert, es gilt, Hinleitungen plausibler zu machen oder die gro\u00dfe Melodie\nstrategisch besser vorzubereiten! All die Einf\u00e4lle und Korrekturen werden \u00fcber\ndie Tastatur des Rech\u00adners eingegeben, die der Keyboardspieler prak\u00adti\u00adscher\u00adwei\u00adse\nschon auf den Knien h\u00e4lt und sofort zur Seite legt, um das Verabredete im Spiel\nzu \u00fcberpr\u00fcfen, wobei der andere zum Fenster sieht und wohl h\u00f6rend \u00fcberpr\u00fcft. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">T. ertappt sich dabei, nach Worten zu suchen. Er\nsp\u00fcrt eine Lust, sich zu beteiligen und Vorschl\u00e4ge zu machen, ja, Ideen zu\n\u00e4u\u00dfern, die ihm durch den Kopf gehen wie unerwartete, doch konkrete Ahnungen.\nZu seiner Verwunderung wei\u00df er mit einem Male genau, doch woher, wie dieser\nAblauf und jene Modulationen zu ver\u00e4ndern w\u00e4ren, um ins Ziel zu kommen, ja, es\nist ihm, als habe er pl\u00f6tzlich eine Vorstellung des Ganzen, nach dem gesucht\nwird. Gelegentlich hatte er sogar, von den emsigen Musikern vor ihm unbemerkt,\nden Finger gehoben als zaghaften Hinweis, etwas sagen zu wollen, etwas, das\nihre Su\u00adche abk\u00fcrzen und sie mit Sicherheit dem Optimum n\u00e4her brin\u00adgen w\u00fcrde.\nEr hat vielleicht sogar schon den Mund ge\u00ad\u00f6ffnet und einen ersten Laut\nhervorgebracht, der aber im wie\u00adder\u00adholenden Spiel untergegangen war.\nSchlie\u00dflich hat T., einem merkw\u00fcrdigen Impuls folgend, beschlossen, nichts\ndergleichen zu tun; ihm war pl\u00f6tzlich bewu\u00dft geworden, wie l\u00e4cherlich er sich\ngemacht h\u00e4tte, mitzureden, ohne die Sprache der Musiker wirklich zu\nbeherrschen. Sein Blick ist daraufhin wieder zu den Kiefern gegangen, die im\nSonnenlicht vor dem Fenster stehen, er hat, wie vor Augenblicken noch, den\nendlos blauen Tag auf sich wirken lassen wollen, dann aber feststellen m\u00fcssen,\nda\u00df sich dem Bild inzwischen eine seltsame Erfahrung beigemischt hatte, eine\ndieser Ohnmachten, n\u00e4mlich einer Sache v\u00f6llig sprach\u00adlos gegen\u00fcber zu stehen,\nsie also, obwohl sie doch kaum klarer und vertrauter sein konnte, nicht\nbenennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neut\u00f6ner Von seinem Platz aus verfolgt T. das Tun der Musiker vor dem Keyboard. Sie h\u00f6ren, beratschlagen und w\u00e4gen ab, sie sch\u00fctteln gelegentlich die K\u00f6pfe oder lachen sich erleichtert zu. Wenn einer der beiden eine Melodie vorgibt und dazu den Rhythmus klopft, h\u00f6rt der andere zu. 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