{"id":344,"date":"2020-03-21T10:42:51","date_gmt":"2020-03-21T09:42:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.joergsader.de\/?page_id=344"},"modified":"2024-01-17T17:24:21","modified_gmt":"2024-01-17T16:24:21","slug":"anfaenge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/anfaenge\/","title":{"rendered":"Anf\u00e4nge"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Anf\u00e4nge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Der Schrei, der in die Ge\u00addanken fuhr, dann abri\u00df, und in der Stille immer wieder klang, nach\u00adklang wie ein ge\u00adspann\u00ad\u00adtes Seil, das allm\u00e4hlich zur Ruhe kommt, war von den mas\u00adsiven R\u00e4dern der Tram ge\u00adkom\u00admen, von ihren gl\u00e4nzend silbrigen Schienen, und wiederholte sich in den K\u00f6p\u00adfen, das Ge\u00adr\u00e4usch sandig abrupten Bremsens \u00fcber\u00adla\u00adgernd, das ihm gefolgt sein mu\u00dfte. Die Starre war end\u00adlos, bis schlie\u00df\u00adlich aus der Schlange an der Ecke vor dem Milchladen eine Kanne zu Boden fiel und matt scheppernd \u00fcber das Trot\u00adtoir rollte, unregelm\u00e4\u00dfig, dem Rinnstein zu, wo sie h\u00e4n\u00adgen\u00adblieb. Die Kin\u00adder, Einkaufszettel in den H\u00e4nden und ab\u00adge\u00adz\u00e4hl\u00adtes Geld, ver\u00adstan\u00adden nicht, sie suchten in den Augen der Er\u00adwach\u00adsenen nach Erkl\u00e4rungen, und selbst jene, die sich vor\u00adge\u00adwagt hatten und zum Un\u00adgl\u00fccksort \u00fcber die Stra\u00dfe gelaufen waren, \u00e4ngstlich ge\u00adtrieben, lie\u00dfen den dunklen K\u00f6rper auf der Mitte der Kreuzung nicht in ihr Den\u00adken und F\u00fchlen ein, noch das Blut und den Schuh, der ab\u00adseits lag. Schwanger sei die Ver\u00adungl\u00fcckte gewe\u00adsen, hie\u00df es sp\u00e4ter in den H\u00e4usern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die\nWeite dieser Sommer. Oder die Herbste, \u00fcppig leuchtend in fa\u00adta\u00adlen Farben,\nwenn die Sonne aus\u00adgl\u00fchte und Ferne mischte ins Spiel, Ungewisses, Nicht\u00ader\u00adfah\u00adre\u00adnes.\nWenn dann die Nebel aus den Wohnungen lockten in frem\u00ad\u00adde Zusammenh\u00e4nge, gin\u00adgen\nFragen nach innen, wahr oder falsch, gut, schlecht, Hier\u00adsein oder anderswo,\nund das Ra\u00addio sprach, sp\u00e4ter in den N\u00e4ch\u00adten, mit doppelter Zunge, es be\u00adwirkte,\nda\u00df man den Wellen nach\u00ad\u00adsann, die von irgendwo ka\u00admen in der Tiefe der Nacht\nund ihre Wege, sich \u00fcber\u00adschnei\u00addend, \u00fcberlagernd, nahmen in die H\u00e4u\u00ad\u00adser durch\nStein und Mauerwerk hindurch, hierher in die Pro\u00ad\u00advinz dieses Zim\u00admers Der Atem\nging dann anders, die Enge ver\u00adflog und verhie\u00df Neu\u00ades, Weites, z\u00e4rtlich\nunbestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Kommer\nsah hin\u00fcber zum massigen Gerichtsgeb\u00e4ude an der n\u00f6rd\u00adli\u00adchen Seite des Platzes.\nDurch das Por\u00adtal, wilhelminisch schwer, \u00fcberkommen, war er oft als Volont\u00e4r\ngegangen, sp\u00e4ter als Re\u00addakteur, er war in den n\u00fcchternen S\u00e4len Ver\u00adhand\u00adlungen\nge\u00adfolgt mit der unterdr\u00fcckten Angst des\u00adsen, der sich zu Un\u00adrecht pri\u00advilegiert\nw\u00e4hnt. War es nicht purer Zu\u00adfall, da\u00df er in den si\u00adcheren B\u00e4n\u00adken sa\u00df, den\nBlock auf den Knien, schrei\u00adbend? Allzuoft sah er sich an der Stelle des An\u00adge\u00adklagten,\nima\u00adgi\u00adnierte sich S\u00e4tze, Rechtfertigungen, die die gesch\u00e4ftigen Ro\u00adben nicht\nakzep\u00adtie\u00ad\u00adren w\u00fcrden. Im Namen des Volkes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Hinter\ndem Gericht, zwischen der alten, die Stadt belagernden Zitadelle und der Allee\nuralter Ka\u00adstanien die hohen Mauern des Untersuchungsgef\u00e4ngnisses. Von hier\noben schien ihr \u00dcber\u00adwinden leicht, ge\u00adra\u00adde\u00adzu ein Kinderspiel. Die lange un\u00adver\u00adsch\u00e4m\u00adte\nAnlage aus rotem Backstein war den Kindern mor\u00adgens und mittags in der Tram,\nw\u00e4hrend der ersten Wochen des neuen Schulweges, al\u00adlen\u00ad\u00ad\u00adfalls eine fl\u00fcchtige\nFrage gewesen, man passierte sie in der Si\u00ad\u00adcherheit der jungen Jahre, die\nAhnungen ausschlo\u00df, das M\u00f6g\u00adliche, das Realit\u00e4t werden konnte jederzeit. Kommer\ndachte an die Begegnung mit Schubert, dort unten in seiner Zelle, in der er\nsein Urteil abzuwarten hatte, sp\u00e4\u00adter war er auf Transport ge\u00adschickt wurden,\nin ein Lager mit Bergwerk in der N\u00e4he, acht\u00ad\u00adhundert Meter unter Tage. Das\nLicht in der Zelle fahl, es drang durch ein hohes, kaum erreichbares Fenster in\nden klei\u00adnen Raum, und Schuberts Gesicht wei\u00df und bla\u00df, w\u00e4hrend von der Stra\u00dfe\njenseits der Mauer Stimmen her\u00ad\u00fc\u00adber\u00addrangen, Ge\u00adr\u00e4u\u00adsche von Autos, die\nvorbeifuhren,\u00ad und die Glo\u00adcken einer Uhr. Die Zelle war lang, d\u00fcster, ein\nK\u00fcbel in der Ecke neben der T\u00fcr, und das Bett, aus dem ei\u00adne dunkle Decke mit\nwei\u00dfen Streifen an den Enden hing, war hochgeklappt, an die Wand ge\u00adschlos\u00adsen.\nSchuberts Stimme war schon leblos, sprang nicht mehr wie fr\u00fcher in ironischen\nB\u00f6gen, die Bilder wirkten fern, teil\u00adnahms\u00adlos, ja un\u00ader\u00adlebt, er sprach selten\nund dann mit der unver\u00adschul\u00addeten Scham des Ver\u00adlierers von der fremden\nSzenerie, durch die er, das glaubte er nun kaum noch, gegangen war in zwei\nRegenn\u00e4chten, den R\u00e4ndern des Landes entgegen. Da\u00df es ir\u00adgend\u00adwie gehen w\u00fcrde,\nwar seine \u00dcber\u00adzeu\u00adgung gewesen, er war dann in die Stolperdr\u00e4hte ge\u00adra\u00adten, in\naufflammende Scheinwerfer und rotspr\u00fchende Leucht\u00adra\u00ad\u00adke\u00adten, bis zu\u00adgu\u00adter\u00adletzt\nPa\u00adro\u00adlen nach ihm geschnappt ha\u00adben mu\u00df\u00ad\u00adten, schlie\u00dflich Hunde in un\u00adweg\u00adsamem\nGe\u00adl\u00e4n\u00adde. Schu\u00adbert, der Freund von fr\u00fch an, der, als er ging, ganz auf sich\ngestellt war, ohne ein Wort zu je\u00admandem, schien auf seinen Ver\u00ad\u00adsen ge\u00adgan\u00adgen\nzu sein, die davon gek\u00fcndet hat\u00adten schon immer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Kommer\nsah sich in Gedanken unter den m\u00e4chtigen Kastanien wei\u00adtergehen, in der Kirche\nzur rech\u00adten, dachte er, hatte ihn einst gefroren w\u00e4hrend der\nKonfirmandenstunden, die hal\u00adlen\u00adde K\u00e4l\u00adte der ho\u00adhen B\u00f6gen mutete grau an,\nfremd, exterritorial zur Stra\u00ad\u00dfe und ihren Ger\u00e4uschen, und erst sp\u00e4\u00adter emp\u00adfand\ner Schutz unter der menschenleeren Vierung, ein seltsames Gef\u00fchl von\nGeborgenheit, das zu seiner \u00dcberraschung nicht aus Tex\u00adten, nicht aus Ritualen\nkam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die\nStra\u00dfe \u00f6ffnete sich zur Anlage hin, zum Park der klei\u00adnen Ge\u00adheimnisse. Kommer\nschlug die Blumenstra\u00dfe ein, bog dann in die M\u00fchlh\u00e4user mit dem\nKolonialwarenladen auf der Ecke, wo es Sauer\u00adkraut lose gab vom Fa\u00df und\ngegen\u00fcber die Knei\u00adpe mit dem ab\u00adge\u00adbl\u00e4t\u00adterten Gast\u00adst\u00e4t\u00adtenschild, nackte\nGl\u00fch\u00adbir\u00adnen hin\u00adter Farbresten: Selters kauften die Kinder dort im Sommer und\nf\u00fcr die V\u00e4ter im Hause Bier in gro\u00dfen Kr\u00fcgen, die sie ba\u00adlancierend an ihre\nkleinen K\u00f6rper pre\u00dften. Schon lag die Frie\u00addrichstra\u00dfe vor ihm, die Stra\u00dfe der\nKindheit. Schmale, l\u00e4\u00adcher\u00adliche Vor\u00adg\u00e4rten, schmiedeeiserne Z\u00e4une, die\nChrysanthemen und knor\u00adri\u00adgen Flieder ein\u00ad\u00adz\u00e4unten vor den vier\u00adge\u00adschos\u00adsigen\nJahr\u00ad\u00ad\u00adhun\u00addert\u00adwendeh\u00e4usern in floral\u2013\u00fcppigen, dann wie\u00adder prot\u00ad\u00ad\u00ad\u00adzi\u00adgen Ge\u00adsimsen,\nvom Krieg zerschos\u00adsen, nun weiter ver\u00adfallend. Und am anderen En\u00adde der Stra\u00dfe\ndie gro\u00dfe Kreuzung, das Kin\u00addertor zur Stadt mit den Haltestellen der Tram und\nden lo\u00adckenden Filmplakaten an den S\u00e4ulen. In der Mit\u00adtagssonne liegt die Stra\u00ad\u00dfe\nwie immer ausgestorben da, zwei, drei Au\u00adtos parkend vor den H\u00e4usern, gepflegt,\nschl\u00e4frig, be\u00adreit zu ir\u00adgend\u00adeiner Fahrt, blitzend und kur\u00adze Schatten\nwerfend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Offenbar\nhatte sich damals bereits, so schien es Kommer jetzt, et\u00adwas festgesetzt,\neinmontiert in sein Inneres, ein Filter viel\u00adleicht, der nicht nur das\nWahrnehmen erschwerte, sondern das Han\u00addeln sel\u00adber, die Offenheit, das Leben\nim \u00c4u\u00dferen und Sich\u00adver\u00adlie\u00adren im Augenblick. Un\u00adsin\u00adnige Kreis\u00adbe\u00adwe\u00adgungen,\ndiese Ver\u00ad\u00ad\u00adsuche, all das Eis abzusch\u00fctteln, das im Innern wuchs wie eine b\u00f6se\nFrucht, sein wollen wie die anderen, lie\u00df ihn noch mehr er\u00adstarren, tiefer\nsinken wie ein K\u00f6rper, der sich im Moor noch wehrt, immerhin brachten die\nAufb\u00e4umungen Klarheit und Be\u00adstimmung sei\u00adnes Ichs. Die Schatten der M\u00e4chtigen,\ndie weiter gewirkt hatten auf dem einmal bestellten Grund, waren nun ein\u00addeutig\nidentifizierbar, das Gegen\u00fcber stand fest, die Geg\u00adner und Feinde. Kommer sah\nnun mehr, beobachtete sch\u00e4r\u00adfer, aber die K\u00e4lte des Geschauten fror auch die\nZiele ein, jenes an\u00adde\u00adre, das er vermi\u00dfte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die\nschwebende Ruhe des Himmels beim Gehen an den gr\u00fc\u00adnen Armen der Stadt, die sie\nz\u00e4rtlich um\u00ad\u00adfingen, zeitlos, die stum\u00admen Gebilde der Wolken, von fernher\nkommend, \u00fcber un\u00adbe\u00adkannte L\u00e4ndern gezogen und doch nur luftige Spiegel ihrer\nselbst. Kommer las gerne in ihnen, und wenn sich dann der Blick senkte zur\nbegrenzten Erde hin, erschien alles frisch, wie zum er\u00adsten Mal, das Gr\u00fcn am\nRande des Weges, das in den Schotter hineinwucherte, die tief\u00addunk\u00adlen St\u00e4mme\nder B\u00e4ume hin\u00adterm Unterholz. Das Gehen, Hinausgehen aus der Stadt, hat\u00adte\netwas L\u00f6\u00adsendes, je st\u00e4rker, pla\u00adstischer, eigenst\u00e4ndiger sich die Natur\ndarstellte, desto sicherer blieb alles Gef\u00fcgte zu\u00adr\u00fcck, das Ge\u00adord\u00adnete, die\nVerstrickungen. Mit jedem Schritt gewann sich der K\u00f6r\u00adper mehr, wur\u00adde leicht,\nwahr\u00adnehmend, sch\u00fcttelte die frem\u00adden Blicke ab, gehend sich tragen lassen von\nder Kr\u00fcm\u00admung des We\u00adges in die unz\u00e4hlbaren Farben und For\u00admen hin\u00adein, in die\nTiefe der T\u00f6ne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die\nEntfernungen von der Stadt kr\u00e4ftigten und jedesmal die Ver\u00adwunderung, da\u00df Mut\nm\u00f6glich sei, Zuversicht und im In\u00adne\u00adren eine ganz eigene Musik, und wuchsen\nnicht auch jetzt, zag\u00adhaft zu\u00adn\u00e4chst, aber doch schon spielerisch Phantasien\naus ih\u00adrem Schattendasein hervor, jetzt beim An\u00adblick eines Blattes, und was\nwar dagegen das mechanisch Bewu\u00dftlose der Stadt und ihres Ver\u00adkehrs? Kommer\nliebte diese Augenblicke, er liebte die N\u00e4chte, in denen die Nebel wie eine\nferne Ge\u00adlieb\u00adte lockten, oder die D\u00e4mmerung vorm Tage, das Zwischenreich im Be\u00adkann\u00adten,\nwenn die V\u00f6\u00adgel ihre Stimmen \u00fcber die Schlafenden w\u00f6lbten als fl\u00fcchtiges\nH\u00f6rbild. \u00dcber\u00adhaupt fand er sich leicht im Unaus\u00adge\u00adlo\u00adteten, auf den nicht\nmarkierten Wegen, die Nadel, die ihn f\u00fchrte, schien in ihm zu sein, ihr Aus\u00adschlag\nnat\u00fcrlich, selbstverst\u00e4ndlich, Ent\u00adsprechungen herstellend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Bei\nallem schmerzte der Vergleich mit den W\u00f6rtern, die zur Ver\u00ad\u00ad\u00adf\u00fc\u00adgung standen, diesem\nbe\u00adzie\u00ad\u00adhungsreichen Dazwischen ver\u00ad\u00ad\u00adweigerten sie sich, und Kommer war,\nw\u00e4hrend er schrieb, als sch\u00f6ben sich schwere W\u00e4nde heran, n\u00e4her und n\u00e4\u00adher, an\nde\u00adnen die W\u00f6rter ab\u00adprallten und zu\u00adr\u00fcck\u00ad\u00adsprangen auf die ge\u00adwohn\u00adten Gleise\neiner fr\u00fch bereitgestellten \u00d6f\u00adfent\u00adlichkeit. Die Sprachfessel, den Kindern be\u00adreits\nangelegt, war, in ihre klei\u00adnen K\u00f6rper mehr und mehr einschneidend,\nmitgewachsen, also fast ununterscheidbar ge\u00adworden von Gestik und Blick, ein\ngenialer Streich, dachte Kommer, w\u00e4re er absichtsvoll aus\u00adge\u00addacht wor\u00adden zu\nlebenslanger Ver\u00adpup\u00adpung und sicherer Ge\u00adfan\u00adgenschaft. Er wehrte sich ge\u00adgen\nden Gedanken, unsicher dar\u00fcber, wem Recht zu geben war, dem K\u00f6rper, der\nleichter wurde an den R\u00e4ndern der Stadt, oder den fal\u00adschen V\u00e4tern, die er zu\u00adr\u00fccklie\u00df\ndort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die\nW\u00f6rter traten ihm auch aus den B\u00fcchern entgegen, unter unbeweglichen Formen,\ndie, l\u00e4ngst auf\u00adgegeben und melodielos, das Ganze, verstand man sie richtig,\ngegen ihren Willen, be\u00adklagten, hinter den gro\u00dfen Parabeln ereigneter\nGeschichte und ferner, aber unverbindlicher Schicksale war die Leere des Jetzt,\ndie bequemen R\u00fcckz\u00fcge beschrieben noch in ihrer Ab\u00adwen\u00addung das Un\u00adbe\u00ad\u00adschreibliche\nder Gegenwart, das Unerledigte, Un\u00adge\u00adkl\u00e4r\u00adte des Tages. F\u00fcr Kommer waren die\nWort\u00ads\u00fcchtigen zu Op\u00adfern ihrer Schreiblust geworden, gerade ihre Un\u00adbrauch\u00adbarkeit\nzeichnete sie aus, \u00f6ffentlich, das war ihre Brauchbarkeit gegen die heimlich\nent\u00adstandenen B\u00fccher an ver\u00adschwie\u00ad\u00ad\u00adgenen Orten, gegen jene, die wohl wu\u00dften,\nwie zu schreiben sei, es aber nur noch dem N\u00e4chsten sagten im kleinen Kreise.\nOder auch nur noch sp\u00fcrten bei n\u00e4chtlicher Lekt\u00fcre. Noch die Fremden sp\u00fcr\u00adten\ndas Gewaltige dieses Schwei\u00adgens, die Gewalt, die die Spra\u00adche, sich ver\u00adschwei\u00adgend,\nfloh, das Ungesagte war ohnehin schon gesagt, das Unsagbare tausendmal\nbedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Was\nentstand, war eine Schwebe, unlebbar bei Lichte und doch kaum zu leugnen. Kommer\nfloh, tauch\u00adte weg, stellte sich au\u00ad\u00dferhalb der Gesch\u00e4ftigkeit, der Enge des\nblo\u00df Sichtbaren. Fra\u00adgen ent\u00adstanden, manchmal wie Nadelstiche mitten im Ge\u00adtrie\u00adbe.\nDa half nur Gehen, Bewegung, Er\u00ad\u00adwar\u00adtung, und im\u00admer\u00adhin kam Linderung aus dem\nruhigen Gleichma\u00df der Schritte und manch\u00ad\u00admal eine kaum erkl\u00e4rbare Gewi\u00dfheit,\njenseits der schwa\u00adchen Linie, die das Mittelland gegen den nun abend\u00adli\u00adchen\nHimmel zeichnete, k\u00f6nnte das Erhoffte liegen, das An\u00adde\u00adre, eine neue Zeit, ein\nwun\u00adder\u00adbarer Raum und ohne Erin\u00adne\u00adrung an die jetzt h\u00f6rbaren Schritte. Doch\nnur ein Spuk, dachte er dann, eine Unm\u00f6glichkeit na\u00adt\u00fcrlich, und er lachte\nvorsichtig in der Angst, das seltsame Gebilde zu zer\u00adst\u00f6\u00adren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die\nSchwebe blieb, als Luftwurzeln, die es wohl wirklich gab, das Merkw\u00fcrdige,\nn\u00e4mlich we\u00adder zu f\u00fchlen noch zu glauben, da\u00df er lebe, obwohl doch Zeit verrann,\nwar nur fest\u00adzu\u00adstellen, es f\u00fchrte zu nichts, es f\u00fchrte nicht hinaus, sondern\nnur tiefer hin\u00adein in die Spiegel des Wasser des Sees, in dem er sich nun sah.\nDa\u00df er sich mehr und mehr geborgen f\u00fchlte und gesch\u00fctzt un\u00adter dem hauch\u00add\u00fcnnen\nStoff, der ihn langsam \u00fcberzog, die In\u00adnen\u00ad\u00adr\u00e4ume be\u00adfe\u00adsti\u00adgend zu\u00adn\u00e4chst, um\ndann den gan\u00adzen K\u00f6rper zu verbergen wie hinter einem feinen Schild, schien ihm\nbe\u00addroh\u00ad\u00adlich, aber auch eine un\u00adge\u00adwohnte Freiheit zu sein. Freilich nahmen so\ndie Entfernungen zu den anderen zu, selbst der Ha\u00df schwand, war nur die\nBewegung auf das \u00c4u\u00dferste kr\u00e4f\u00adtig ge\u00adnug und gen\u00fcgend durch\u00addacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Das\nErinnern, treppab, tiefer und tiefer in die Jahre zur\u00fcck, zu den Schatten der\n\u00dcber\u00adle\u00adbens\u00adgro\u00ad\u00dfen, die, h\u00f6her als T\u00fcrme, alles \u00fcberragten, bestimmten, und\nda\u00df sie unser Leben nahmen, f\u00fcr uns spra\u00ad\u00adchen und dachten und die Jahre\nmischten zu gro\u00ad\u00dfen l\u00e4\u00adcherlichen Er\u00adeignissen, das Er\u00adin\u00adnern, ein ungewisses\nSu\u00adchen, was ist das jetzt, wo alles eins ist und in\u00adein\u00adander und zu\u00adgleich?\nIst da Wahrheit? Nur uns haben wir und unsere S\u00e4tze, diese lang\u00adsamen ungen\u00fcgenden\nAnn\u00e4he\u00adrun\u00adgen, was aber ge\u00adschieht mit all dem Abgetanen, mit den ver\u00ad\u00e4n\u00adderten,\nmit den ge\u00adstri\u00adche\u00adnen, den ver\u00ad\u00adschwiegenen S\u00e4tzen, welcher Ort bewahrt sie\nauf, welches Ohr h\u00f6rt sie?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Schwer\nwog alles im matten Ernst, nur die Liebe navigierte auf dunklem geheimnisvollem\nGrund, sie tanzte nicht mit inmitten der feindlichen Linien. Tags\u00fcber lag etwas\nNeutrales auf den jungen K\u00f6rpern, die Muskeln gl\u00e4nzten beim Sport, bei der Lese\nauf den Feldern an gl\u00fc\u00adhenden Au\u00adgust\u00adta\u00adgen. Einzubinden war das Wachsende in\nstechende Muster und Nor\u00admen, die sich Grei\u00adse aus\u00adgedacht hatten. Wie anders\ndann das un\u00adge\u00adkannte Ver\u00adstr\u00f6men, das den K\u00f6r\u00adper lachend beugte und auf frem\u00adde\nWellen ri\u00df, nachts, nach feurigen Tr\u00e4umen, das wie ein Fliegen auf erreg\u00adten\nPferden war in gl\u00fchenden Schw\u00e4rzen hinein. Und uneingestanden noch, ja\n\u00e4ngstlich der Blick in dieses Reich durch die Schuld hindurch, die vor seinen\nPforten errichtet war, mit seltsa\u00admem Nachhall jetzt, am klaren Tage. Bedroht\nwar jetzt das Ent\u00adwei\u00adchende, Geheimnishafte von Ver\u00adbot und Zweck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Das\nAufeinanderzugehen, das den Blicken folgte, den vagen Au\u00ad\u00adgenspielen, die\ntr\u00e4umende Hand, die der W\u00f6lbung des Hal\u00adses antwortete, dem fremden Haar, und\ndann das Sichhalten nach dem Ku\u00df, ein Beben, Zittern, das nicht nachlassen\nwill, ein zweiter, dritter folgte ihm, in al\u00adlem waren sie, in den B\u00e4umen am\nWege, am Himmel, der der Nacht wich, und noch in der un\u00adendlich fer\u00adnen Stadt\nund ihren Lichtpunkten, der Ku\u00df ord\u00adnete alles neu, die Dinge zu\u00adeinander und\nsie selbst, im ta\u00adsten\u00adden nim\u00admerm\u00fcden Radius der Umarmungen zeigte sich eine\nWelt unter der Welt, alles fiel ab, und mit der Sch\u00f6nheit, die die H\u00e4nde\nz\u00f6gernd er\u00adkun\u00addeten, schien das Vergessene wie\u00adderzuer\u00adste\u00adhen, ein Staunen,\ndas allem galt und durch alles erst war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die\nZ\u00e4rtlichen, Einzelne am Tage, verbargen sich hinter erin\u00adnern\u00ad\u00ad\u00adden Blicken.\nW\u00fcrde das Ge\u00admein\u00ad\u00ad\u00adsame dem klaren Licht standhalten und wann, ja wann w\u00fcrde\nwieder Abend sein im Park \u00fcber der Stadt? Zu sprechen war dar\u00fcber kaum, und wie\nden Er\u00adwach\u00adsenen be\u00adgegnen, den Ver\u00adn\u00fcnf\u00adtigen, hatten sie all das bereits\nwieder verlorenen? War es ihnen nie be\u00adgeg\u00adnet? Und wie schlie\u00df\u00ad\u00adlich mit\ndiesem Geheimnis der Ordnung gegen\u00ad\u00fcber\u00adtreten, die\u00adsem Mal\u00adstrom von Buchsta\u00adben\u00adgirlanden\nund Fah\u00adnen\u00admeeren, in die sie wie selbstverst\u00e4ndlich, ja geradezu na\u00adt\u00fcr\u00adlich\nhinein\u00adwuchsen, die alles, das Volk ko\u00adsend, wie es schien, mit riesigen\nTentakeln er\u00adgriff, Stra\u00dfe um Stra\u00dfe, Fabriken wie Schulen verschlang und auf\nden gro\u00dfen Pl\u00e4t\u00adzen des Landes erst zum Stillstand kam, bei den An\u00adspra\u00adchen,\nUmz\u00fcgen der Uni\u00adfor\u00admierten, im hohen Stil, der alles be\u00adgrabend verschlang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anf\u00e4nge Der Schrei, der in die Ge\u00addanken fuhr, dann abri\u00df, und in der Stille immer wieder klang, nach\u00adklang wie ein ge\u00adspann\u00ad\u00adtes Seil, das allm\u00e4hlich zur Ruhe kommt, war von den mas\u00adsiven R\u00e4dern der Tram ge\u00adkom\u00admen, von ihren gl\u00e4nzend silbrigen Schienen, und wiederholte sich in den K\u00f6p\u00adfen, das Ge\u00adr\u00e4usch sandig abrupten Bremsens \u00fcber\u00adla\u00adgernd, das ihm gefolgt &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/anfaenge\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eAnf\u00e4nge\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-344","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/344","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=344"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/344\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":749,"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/344\/revisions\/749"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=344"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}