{"id":444,"date":"2020-08-26T14:22:28","date_gmt":"2020-08-26T12:22:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.joergsader.de\/?page_id=444"},"modified":"2024-01-17T17:26:33","modified_gmt":"2024-01-17T16:26:33","slug":"wie-sie-sind","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/joergsader.de\/index.php\/blog-feed\/texte\/wie-sie-sind\/","title":{"rendered":"Wie sie sind"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">\u2026 w\u00e4hrend sie selbst un\u00adsicht\u00adbar blieb. Eine Art Ge\u00adf\u00fchl viel\u00adleicht, das die Stadt mit gro\u00ad\u00df\u00ader Ent\u00adschlos\u00adsenheit ver\u00adlie\u00df, aber wa\u00adrum, oder eine Ver\u00e4rgerung, eine tiefe Verletzung? Kei\u00adner von uns hatte auch nur einen Schim\u00admer, was das zu be\u00addeu\u00adten hatte. Wir stan\u00adden an den Fenstern und starr\u00adten in die Sen\u00adke, dorthin, wo die Stadt lag, wir sahen \u00fcber die Suppen\u00adw\u00fcrz\u00adfa\u00adbrik hinweg, de\u00adren Ferti\u00adgungs\u00adge\u00adb\u00e4u\u00adde un\u00ads die Sicht auf die ver\u00ad\u00adwinkelten H\u00e4u\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adser der Altstadt nahm, ihre zahl\u00adrei\u00adchen Kirch\u00adt\u00fcrme aber noch erken\u00adnen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die merkw\u00fcrdige Kraft lie\u00df nicht nach, sondern\nsetzte, kaum da\u00df sie sich beruhigt hatte, er\u00adneut an, und wir an den Fenstern,\ndie wir ge\u00adschlossen hielten we\u00adgen des bei\u00dfenden Geruchs aus der W\u00fcrzfabrik,\nstarr\u00adten wie gesagt und begriffen nicht. Sie schob Pa\u00adpier und M\u00fcll vor sich\nher, wirbelte auf, was sich ihr in den Weg stellte, Fahrr\u00e4der und Mo\u00adtor\u00adroller,\nfa\u00dfte sogar nach Men\u00adschen, die sich verzweifelt an La\u00ad\u00adter\u00adnen und B\u00e4u\u00ad\u00adme\nklam\u00ad\u00admerten und M\u00fc\u00adhe hatten, sich zu behaupten. Selbst die Stra\u00ad\u00dfen\u00adbahn war\nauf dem Weg zu ihrer End\u00adsta\u00adtion vor un\u00adse\u00adren Geb\u00e4uden ste\u00ad\u00ad\u00adhen\u00adgeblieben\nund schaukelte nun sanft auf dem Gleis\u00adbett hin und her. Bei al\u00adlem zeigten\nsich nur die wir\u00adbelnden Ge\u00adgen\u00adst\u00e4n\u00adde, nicht die Kraft selbst, die allen\u00adfalls\nzu er\u00adahnen war, und die um so mehr auf sich auf\u00admerk\u00adsam mach\u00adte, als ihrem\nuner\u00adkl\u00e4r\u00adlichen Treiben ein ohren\u00adbe\u00adt\u00e4u\u00adbender L\u00e4rm bei\u00adge\u00adgeben war, der mal\nschw\u00e4\u00adcher war, dann aber, und be\u00adson\u00adders dann, wenn die Kraft er\u00adstarkte und\nge\u00adwis\u00adser\u00adma\u00ad\u00dfen zu neu\u00ad\u00ad\u00adem Sprung an\u00adsetzte, wie\u00adder unbe\u00adschreib\u00ad\u00ad\u00adlich\nlaut, ein Zi\u00adschen, Rau\u00ad\u00adschen und Grollen war das, ein don\u00adnern\u00addes, mit zahl\u00ad\u00ad\u00adlosen\ntie\u00ad\u00adfen B\u00e4s\u00adsen un\u00adter\u00adf\u00fct\u00adtertes Rollen, das, sich stei\u00adgernd, jedes Mal auf\nei\u00adnen fi\u00adna\u00adlen Knall zulief, als werde eine Schall\u00admau\u00ader durch\u00adbrochen von\neinem Jet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Zuerst die Blicke, die sich alle zuwarfen, die W\u00f6r\u00adter,\ndie sie nach dem ersten Schrecken tau\u00adsch\u00adten, und die kaum zu deu\u00adten wa\u00adren.\nUnentwegt starrten alle durch die Fenster nach drau\u00dfen und suchten auf der Al\u00adlee\nnach der Kraft, die nicht aufh\u00f6rte zu rollen, aber seltsamerweise ab\u00adrupt vor\nden Ge\u00adb\u00e4uden stoppte, in denen wir uns verschanzt hat\u00adten, als sei da ein un\u00adsicht\u00adbares\nHin\u00adder\u00adnis, eine un\u00fcberwindbare Gren\u00ad\u00adze. Aber wo\u00adm\u00f6g\u00adlich war das nur un\u00adserer\nPer\u00adspektive ge\u00adschul\u00addet? Ob sie ihr Treiben tat\u00ads\u00e4ch\u00adlich hinter den Maler\u00adge\u00adb\u00e4u\u00adden\nfort\u00adsetzte, konn\u00adten wir nicht sehen, denn dort stieg un\u00admit\u00adtelbar der be\u00adwal\u00ad\u00addete\nBerg an, er ging in den weiten Steigerwald \u00fcber und lie\u00df nichts mehr er\u00adkennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die Angestellten, die im Malersaal arbeiteten,\nhatten ihre Qua\u00adsten und Pinsel fallengelassen, sie waren von den Leitern ge\u00ad\u00ad\u00ad\u00adstiegen,\nwobei sich man\u00adcher Zeit genommen hatte, die Farb\u00ad\u00ad\u00adei\u00admer neben sich\nabzudecken, als lie\u00dfe sich in Ruhe ab\u00ad\u00adwar\u00adten, wie sich die Sache ent\u00adwickeln\nw\u00fcrde. Immer wie\u00adder jedoch st\u00fcrz\u00adten sie an die Fen\u00adster, um die Kraft zu\nsehen, die doch nicht zu sehen war. Andere ver\u00adsuchten zu tele\u00adfo\u00adnie\u00adren,\ndritte schauten ver\u00e4ngstigt in Richtung des Waldes ober\u00adhalb un\u00ad\u00ad\u00ad\u00adseres\nHauses, und als dann die riesigen Leinw\u00e4nde, an de\u00adnen sie eben noch gearbeitet\nhat\u00adten, be\u00addroh\u00adlich schwankten, ja kipp\u00adten und schlie\u00df\u00adlich mit oh\u00adrenbet\u00e4uben\u00addem\nKnall zu Bo\u00adden gingen, war die Hilflosigkeit perfekt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Vogler, der noch vor dem Auftreten der Kraft und\ndem L\u00e4rm, den sie verursachte, ver\u00e4chtlich auf mein Blatt ge\u00adblickt hatte, das\neinen Stra\u00ad\u00dfenkreuzer zeigte, ein amerikanisches Cabrio mit lan\u00adgen Flos\u00adsen am\nHeck, stand auch am Fenster. Der gro\u00dfe Mann mit ra\u00adben\u00adschwar\u00ad\u00ad\u00adzem Haar, einem\nd\u00fcnnen Lip\u00adpenbart von gleicher Farbe und langen Koteletten, hatte seinen Zorn\nangesichts der mit Bleistift schnell hin\u00adge\u00adworfenen und mit Aqua\u00ad\u00adrell\u00adfar\u00adben\nhie und da ge\u00adh\u00f6hten Skizze verges\u00adsen und sei\u00adne Suche nach geeig\u00adneten Ar\u00ad\u00ad\u00ad\u00adgumenten\neingestellt. <em>Da\u00df man so etwas hier, im\nLan\u00adde der Ar\u00adbeiter und Bauern nicht zu Papier bringt,<\/em> war noch von ihm zu\nh\u00f6ren ge\u00adwe\u00adsen, er war der Leiter der Ma\u00adler\u00adwerk\u00adstatt. Dekadent sei das,\nnicht un\u00adse\u00adrem Le\u00adbens\u00adgef\u00fchl ent\u00ad\u00adspre\u00adchend, der\u00adar\u00adti\u00adge Karossen brau\u00adche\nunsere Ge\u00adsell\u00adschaft nicht, hatte er, der f\u00fcr das Ausbildungswesen zu\u00adst\u00e4n\u00addig\nwar, ver\u00adlau\u00adten lassen. Jetzt aber stand er, wie die an\u00adde\u00adren, un\u00adter dem Ein\u00addruck\nder Kraft, die ihr W\u00fcten fortsetzte. Er sah ab\u00adwech\u00adselnd zum Fenster, dann zu\nden gro\u00ad\u00dfen Mit\u00adtel\u00adtischen, den Staf\u00adfe\u00adleien und grun\u00addier\u00adten Malfl\u00e4\u00adchen\nrechts und links, und wie\u00adder zum Fen\u00adster. Offenbar wu\u00dfte er sich das Ph\u00e4\u00adnomen\neben\u00adso wenig zu er\u00adkl\u00e4\u00adren wie die anderen in Raum, und so wur\u00ad\u00adde er in\nmeinen Au\u00adgen immer kleiner, ja, zu einer Figur, die kaum noch zu re\u00adspek\u00adtieren\nwar. Noch eben hatte ich in Er\u00adwar\u00adtung einer der \u00fcblichen Vor\u00ad\u00adhal\u00adtun\u00adgen vor\nihm ge\u00adstan\u00adden und be\u00admerkt, wie er, die H\u00e4n\u00ad\u00ad\u00adde in den Ta\u00adschen seines Ma\u00adler\u00ad\u00adkit\u00adtels,\nmich, den Lehrling stra\u00adfend an\u00adgese\u00adhen hat\u00adte, im Grunde aber hatte er da\nwohl schon durch mich hin\u00addurchgesehen und nichts mehr begriffen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Ei\u00adgentlich hatte Vogler, der das Lehr\u00adlings\u00adwesen\naus Ge\u00adhorsam den Genossen gegen\u00fcber \u00fcbernommen hatte, andere Din\u00adge im Kopf.\nDie an\u00adde\u00adren Dinge, das waren neben der Malerei, die er geliebt hatte und aufgeben\nmu\u00dfte, die Plakate und Losungs\u00adb\u00e4nder, auch die Portr\u00e4ts der Staats\u00adm\u00e4n\u00adner in\nal\u00adlen m\u00f6glichen For\u00admaten\u00ad, Riesenab\u00adbil\u00addun\u00adgen der Funktion\u00e4re also, die zu\nden De\u00admon\u00adstra\u00ad\u00ad\u00ad\u00adtionen am er\u00adsten Mai oder sie\u00adben\u00adtem Ok\u00adtober oder an\u00adde\u00adren\nAnl\u00e4ssen in Auf\u00adtrag ge\u00adge\u00adben wurden. Die Ge\u00ad\u00adnos\u00adsen, die Herren, wie hier\njeder sag\u00adte, wurden dann im gro\u00dfen Ma\u00adler\u00ad\u00adsaal ge\u00adfertigt. \u00dcber einen kom\u00ad\u00ad\u00adplizierten\nMecha\u00adnismus pro\u00adji\u00adzier\u00adte man die Kon\u00adter\u00adfeis aus gro\u00dfer Entfernung auf die\nent\u00adspre\u00ad\u00adchen\u00ad\u00adden Lein\u00adw\u00e4n\u00adde und zeich\u00adnete sie dort, um der sp\u00e4\u00adte\u00adren\nFarbe ein Ger\u00fcst zu ge\u00adben, mit fl\u00fcchtigen Koh\u00adle\u00adstrichen nach. Auf hohen\nLeitern tru\u00adgen die Maler anschlie\u00dfend, die Farb\u00ad\u00adeimer rechts und links, die\nFarben von hell nach dunkel gehend auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Die Kraft hatte Stre\u00adcker und Montag inzwischen vollkommen\nin Bann ge\u00adzo\u00adgen. War sie ihnen unheimlich? Das Unge\u00adheu\u00ader\u00adli\u00adche, das sich\nohne Un\u00adterla\u00df auf der Al\u00adlee ereignete und selbst nach gr\u00f6\u00dferen Pau\u00adsen wie\u00adder\u00adkehrte,\nund zwar so un\u00adver\u00admin\u00addert laut wie je\u00addes\u00admal zu\u00advor, machte sie ratlos. Was\nist das nur, murmelte Vog\u00ad\u00adler ver\u00adzweifelt, dem sie auch Angst zumachen\nschien. L\u00e4ngst hat\u00adte er meine Zeich\u00adnung ver\u00adges\u00adsen, er starrte wie\u00adder durch\ndas Fen\u00adster und schien nicht an\u00adsprechbar. Irgend etwas hatte sich sei\u00adner\nbem\u00e4chtigt und ar\u00adbei\u00adtete in ihm. War es die Kraft oder das, was sie bewirkte?\nIn diesen Mo\u00admen\u00adten ging das Telefon und Vogler nahm ab. Er sag\u00ad\u00adte w\u00e4h\u00adrend des\nGe\u00adspr\u00e4chs so gut wie kein Wort, wur\u00adde blasser und blas\u00adser, schlug sogar, als\nder Anrufer offenbar auf\u00adlegte, die Hacken zusam\u00admen. Anschlie\u00dfend stierte er\nsekundenlang ab\u00adwesend vor sich hin und gab schlie\u00df\u00adlich Be\u00adfehle. <em>Alle T\u00fcren schlie\u00dfen, die Fenster auch, wir\nbleiben hier bis auf wei\u00adte\u00adres \u2026 In der Stadt wis\u00adsen sie nichts, sie wis\u00adsen\nnichts und k\u00f6n\u00adnen sich das nicht erkl\u00e4ren, voll\u00adkom\u00admen ratlos sind sie, die\nGenossen in der Stadt, ratlos \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Nach wie vor war der L\u00e4rm zu h\u00f6ren, er drang durch\ndie ge\u00adschlossenen Fenster so laut wie lange nicht. Au\u00dfer\u00addem war es pl\u00f6tzlich\ndunkel geworden \u00fcber der Stadt, schwarz fast, und alle r\u00e4tselten, ob das den\nWolken zu ver\u00ad\u00addan\u00adken war, die von einem Augenblick zum n\u00e4chsten h\u00e4t\u00adten auf\u00adge\u00adzo\u00adgen\nsein m\u00fcs\u00ad\u00adsen, oder aber der eigent\u00fcmlichen Kraft. Diese Licht\u00adlo\u00adsig\u00adkeit\nhing, da war ich sicher, mit ihr zu\u00adsam\u00ad\u00admen, mit ihr und nichts anderem <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Wir verrammelten die T\u00fcren und richteten uns auf\nein l\u00e4ngeres Bleiben ein. Ich hockte mich in eine Ecke und wartete ab. Im Haus\nwar es jetzt still, der Rauch aus den Schornsteinen der ge\u00adgen\u00fcber\u00adlie\u00adgenden\nW\u00fcrzfabrik war ver\u00adschwun\u00adden, sie hat\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adten of\u00adfen\u00adbar die Produktion\neingestellt, und die Stra\u00dfen vor den Fenstern wirkten leer, leergefegt, kein\nMensch in Sicht, nur Ge\u00adgen\u00adst\u00e4n\u00adde, die gele\u00adgentlich durch die Luft wir\u00adbel\u00adten.\nDie Dun\u00ad\u00ad\u00adkel\u00adheit aber hielt ebenso an wie die Ge\u00adr\u00e4usche, die zu\u00adnah\u00admen und\nschlie\u00df\u00adlich jedes Mal en\u00adde\u00adten mit einem Knall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Von meinem Stuhl aus beobachtete ich Montag, der,\nzusam\u00admen\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adgefallen auf seinem Hocker, wirr durch den Raum sah und, ich\ntraute meinen Augen kaum, sich heimlich bekreuzigte. Da\u00adnach war ein <em>Hm<\/em> zu h\u00f6ren, ein <em>Ach<\/em>, dann wieder sein Bli\u00adck, und schlie\u00dflich seine Stimme laut zu\nVogler, er m\u00f6ge doch an\u00adru\u00adfen, man wisse ja gar nichts, man k\u00f6nne doch nicht\newig hier sitzen. Der schmale, hoch geschossene Mann wirkte klein, sein Ge\u00adsicht\nunter den hohen Geheimratsecken faltig, w\u00e4ch\u00adsern, und wenn der Donner zunahm,\nduckte er sich noch mehr. Hat\u00adte er Angst? Anders Strecker, der nur noch l\u00e4\u00adchelte.\nEr hatte sich vor eine Staffelei gesetzt, ein neues Blatt angeheftet und be\u00adgonnen,\neine Frau zu zeichnen. Mit sicherem Strich ent\u00adstan\u00adden \u00fcppige For\u00admen, l\u00e4ssig,\nausdrucksstark, und mir war, als schl\u00fc\u00adge die Frau im n\u00e4chsten Moment die Augen\nauf. Ganz und gar ver\u00adz\u00fcckt war Strecker von seinem Werk, v\u00f6llig bei sich, und\nwe\u00adder der L\u00e4rm, der in be\u00adstimmten Ab\u00adst\u00e4nden wie\u00adder\u00adkehr\u00adte, noch die Dun\u00adkel\u00adheit,\ndie noch immer \u00fcber der Stadt, soweit man se\u00adhen konn\u00adte, vorherrschte, schie\u00adnen\nihn zu k\u00fcm\u00admern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Vogler aber lief im Malersaal auf und ab, irgend\netwas besch\u00e4f\u00adtigte ihn, er murmelte vor sich hin, ging zum Te\u00adle\u00adfon, nahm den\nH\u00f6rer ab, legte ihn wieder auf, er achtete nicht auf die bei\u00adden Kollegen, und\nobwohl er lan\u00adge auf Streckers Blatt ge\u00adstarrt hatte, war ihm kein Kommentar\n\u00fcber die Lippen ge\u00adkom\u00admen, nicht mal ein zotiger. Die aufreizenden Formen der\nge\u00adzeich\u00adneten Frau schienen ihn nicht zu be\u00adein\u00addrucken. Aber mein Stra\u00ad\u00ad\u00dfenkreuzer,\ndachte ich. Offenbar war\u00ad\u00ad\u00adtete Vogler auf einen An\u00adruf. Einen von den Ge\u00adnossen\nin der Stadt vielleicht, aber Ge\u00adnaues wu\u00dfte nat\u00fcrlich keiner. Als Par\u00adtei\u00adsekret\u00e4r\ndes Be\u00adtriebs war er auf die Di\u00adrek\u00adtiven der Ge\u00adnossen in der Stadt an\u00adge\u00adwie\u00adsen,\naber was geschah hier? Lie\u00dfen sie ihn im Stich oder wu\u00df\u00adten sie tats\u00e4chlich\nnichts?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">W\u00e4hrend Strecker an seiner Traumfrau malte und\nsich da\u00adbei, als f\u00fchle er sich frei und an nichts gebunden, von nichts st\u00f6ren\nlie\u00df, ri\u00df Montag an seinen Kleidern. Er gab kurze, un\u00adver\u00adst\u00e4nd\u00adliche Laute von\nsich, zog sich die d\u00fcnne, schmie\u00adrige Kra\u00adwatte vom Kragen und begann, sich des\nbeklecksten Kittels zu ent\u00adle\u00addigen. Sodann kn\u00f6pfte er das Hemd auf und zog es\nsich \u00fcber die Brust. Der lange Mensch sa\u00df jetzt halbnackt auf seinem Hocker,\nund schon beugte er sich zu seinen Schuhen hinunter, als Vogler ihn anherrschte\nund Einhalt gebot. <em>Mensch, Montag, rei\u00df\ndich zusammen. Wir wissen bald mehr!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Doch Montag reagierte nicht oder wollte nicht\nreagieren. Un\u00adbeirrt zog er an den Schn\u00fcr\u00ad\u00adsenkeln seiner Schuhe, als folge er\neinem selt\u00adsamen Drang nach Entbl\u00f6\u00ad\u00dfung. In der anderen Ecke des gro\u00ad\u00ad\u00ad\u00dfen\nRaums war Strecker nach wie vor mit seiner Zeich\u00adnung be\u00adsch\u00e4ftigt. Nichts h\u00f6\u00adren,\nnichts sehen, nur malen, war offenbar sein Motto. In\u00adzwi\u00adschen hatte er\nbegonnen, Far\u00adben auf\u00adzutragen, die der Skizze eine be\u00adeindruckende Pla\u00adstiz\u00adit\u00e4t\nver\u00adliehen und die Formen der sit\u00ad\u00adzen\u00adden Nackten \u00fcber\u00adaus sinnlich\nhervorhoben. Strecker mal\u00ad\u00ad\u00adte wie besessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Zwischen den beiden und mir in der Ecke Vogler, auf\nund ab\u00adge\u00adhend, fahrig und ideenlos. Er nahm eine Zigarette, die er am Fil\u00adter\nanz\u00fcndete und angeekelt in den Ascher warf, fuhr sich durch die Haare und griff\nwieder zum Telefon. <em>Nichts<\/em>, sag\u00adte er\nund legte auf. <em>Die wissen nichts,\nnat\u00fcrlich gar nichts.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Unterdessen hatte die Kraft zugenommen, das hei\u00dft,\ndie Inter\u00adval\u00adle, mit denen sie sich bemerkbar machte, und die jedesmal mit\neinem Knall endeten, waren k\u00fcrzer geworden, die Dun\u00ad\u00ad\u00ad\u00ad\u00adkel\u00adheit ei\u00adner\nkompletten Schw\u00e4rze gewichen, in der nichts mehr zu er\u00adkennen war, allenfalls\nnebelhaft die Laternen in al\u00adler\u00ad\u00adn\u00e4ch\u00adster N\u00e4he. Of\u00adfenbar waren wir\nabgeschnitten, abge\u00adschnit\u00adten vom Raum, der zwischen uns und der Stadt im Tal\nliegt, auch von der Stadt selbst, die offensichtlich, wollte man Vogler glau\u00adben,\ns\u00e4mtliche Zeichen eingestellt hatte und nichts mehr ver\u00adlauten lie\u00df. Was be\u00adsch\u00e4ftigte\ndie Genossen in der Zen\u00adtrale? Hat\u00ad\u00adten sie Erkennt\u00adnisse, wu\u00dften sie etwas\n\u00fcber die Kraft, \u00fcber ihre Herkunft, die Ziele? Und wenn ja, was? Geschah dies\nalles am Ende mit ih\u00adrem Einverst\u00e4ndnis? Was aber h\u00e4tten sie, falls dem so war,\nda\u00admit er\u00adreichen wol\u00adlen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Montag hatte inzwischen seine Schuhe ausgezogen\nund ak\u00adku\u00adrat vor sich hingestellt. Jetzt schien er seine l\u00f6chrigen Socken zu\nbetrachten, und wenn er gelegentlich aufsah und in den Raum blickte, dann war\ndas eher ein zielloses Starren, das uns und die Gegenst\u00e4nde streifte, ohne sie\nwirklich zu erfassen. Was ging in ihm vor? Wieder bekreuzigte er sich, mehrmals\nso\u00adgar, was ihm Trost zu spenden schien und eine seltsame Form von Ru\u00adhe, die\ner of\u00adfenbar suchte. Auch hatten wir den Eindruck, als h\u00f6re er etwas. Strecker\ndagegen hatte seine Dame bald fer\u00adtig. Eigen\u00adartig fein l\u00e4chelnd, setzte er\nletzte Stri\u00adche, trat zur\u00fcck, schaute lange, wobei er den Kopf langsam von\nlinks nach rechts drehte und wieder zur\u00fcck, ging wieder zur Staf\u00ad\u00adfe\u00adlei, um\nmit dem Pin\u00adsel etwas zu korrigieren, und ent\u00adfern\u00adte sich wieder. So\u00addann tunk\u00adte\ner den Pinsel in einen mit Ver\u00ad\u00add\u00fcn\u00adner gef\u00fcllten Be\u00adh\u00e4l\u00adter und sah sich im\nRaum um. Schlie\u00df\u00adlich nahm er das gro\u00dfe Bild von der Staffelei, er hielt es nun\nmit beiden H\u00e4nden und be\u00adgann sich langsam zu drehen. Er tanzt, dachte ich, er\ntanzt mit der Frau, die er soeben er\u00adschaffen hat, er tanzt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Ach,\nSchei\u00dfe,<\/em> lie\u00df sich Vogler\nvernehmen, der aus einem Ne\u00adben\u00ad\u00adraum zur\u00fcckgekommen war, wo er, wie ich sehen\nkonn\u00adte, lange am pechschwarzen Fenster gestanden hatte und nach\u00adge\u00addacht zu\nhaben schien. Er kam direkt auf mich zu, baute sich vor mir auf, sah mich an,\nsah zum Fenster, seine Lippen wur\u00adden schmal. <em>Das mit dem Auto,<\/em> sagte er schlie\u00dflich leise und sto\u00ad\u00adckend, sei\nnicht so gemeint gewesen.<em> Ich meine den\nStra\u00ad\u00dfen\u00adkreu\u00adzer von dir, der war gar nicht so schlecht, ich meine, in ver\u00adkehrte\nH\u00e4nde sollte er nicht geraten<\/em> \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Und wieder ein Knall. Diesmal erzitterte der\nBoden, als h\u00e4t\u00adte ein Riese an die Grundfesten des alten Hauses getippt und ge\u00adzeigt,\nwozu er f\u00e4hig w\u00e4re im Falle des Falles. Wir waren still im Raum, und selbst\nMontag, der perfekte Schriftenmaler, hielt mit seiner Entkleidung inne. Er\ndrehte den Kopf zu den Fen\u00adstern, die aufgeflogen waren und nun leise hin und\nher\u00adschwan\u00adgen. Wieder war sei\u00adnen Gesichtsz\u00fcgen zu ent\u00adneh\u00admen, da\u00df er etwas\nh\u00f6rte, etwas Seltsames, das in der Luft zu liegen schien, aber un\u00adh\u00f6rbar f\u00fcr\nuns war, er hob den Kopf noch h\u00f6her, brummte et\u00adwas, das sich wie ein befreites\n<em>Ach<\/em> anh\u00f6rte, und verharrte in seiner\nPosition. Strecker indes lie\u00df sich nicht st\u00f6ren. Als h\u00e4tte er den Knall gar\nnicht ver\u00adnom\u00admen, tanzte er weiter und warf der Dame auf dem Blatt K\u00fcsse zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Vogler hatte, nachdem der Knall verklungen war, noch\nzu mir geblickt, er hatte genickt, als Aufforderung gewisserma\u00ad\u00dfen, ihm\nzuzustimmen und die Sache damit zu beenden. Er trat dann zu Montag, ber\u00fchrte\nihn an der Schulter, strei\u00adchelte ihn sogar und fiel ihm schlie\u00dflich um den\nHals. Weinte er? Die Stel\u00adlung, in der er sich befand, wird un\u00adbe\u00adquem sein,\ndachte ich, wenn nicht sogar anstrengend. Aber Vogler verharrte lange in die\u00ad\u00adser\nhalb geb\u00fcckten Haltung, Montag immer noch im Arm, der sich nicht r\u00fchrte und nur\nweiter in Richtung des Fen\u00adsters starr\u00adte, von wo er tats\u00e4chlich etwas vernahm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 w\u00e4hrend sie selbst un\u00adsicht\u00adbar blieb. Eine Art Ge\u00adf\u00fchl viel\u00adleicht, das die Stadt mit gro\u00ad\u00df\u00ader Ent\u00adschlos\u00adsenheit ver\u00adlie\u00df, aber wa\u00adrum, oder eine Ver\u00e4rgerung, eine tiefe Verletzung? Kei\u00adner von uns hatte auch nur einen Schim\u00admer, was das zu be\u00addeu\u00adten hatte. 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